leichtathletik im wandel mit nbl

Verfasser : Gunther Sonnemann, Sportanalyst, Berlin April 2015

I. aktuelle Probleme der Leichtathletik

T.4 ist der Straddle doch die bessere Hochsprungtechnik ?

Es gibt schon lange keinen Weltklassehochspringer mehr, der mit der Straddletechnik springt.

Und doch wird  immer mal  wieder die Meinung vertreten, die vor der Flop-Technik angewandte Straddletechnik würde größere Sprunghöhen erlauben, wenn man sie nur richtig springen würde.

 

Ein Verfechter dieser Meinung ist der ehemalige deutsche Top-Springer

Thomas Zacharias,

 

er sagt:  ein langsamer Anlauf und großer Abflugwinkel ist besser als ein

               kleiner Abflugwinkel mit schnellem Anlauf ?

 

 und  begründet dies damit, dass die Kraftwerte zur Erreichung bestimmter Steigehöhen bei größeren Winkeln und kleineren Anlaufgeschwindigkeiten immer kleiner werden.

Ist es also zutreffend , dass langsamer im Anlauf + steiler im Absprung  besser ist, als schneller im Anlauf + flacher im Absprung ?

Dazu ist folgendes zu sagen :

1.

Mit größeren Abflugwinkeln nimmt unbestritten die Absprungzeit  t   zu. Die physiologisch mögliche Anlaufgeschwindigkeit nimmt mit größeren Abflugwinkeln dagegen ab.( bei gleichem Kraftpotential des Springers )

Beides verringert die Abfluggeschwindigkeit und verringert  den vom Springer abgegebenen Impuls.

Impuls = Masse  *  Geschwindigkeit  

Aus dem Impuls kann dann der Kraftwert mit Division durch die Absprungzeit errechnet werden.

Kraft  =  Impuls  /  Absprungzeit

Mit weniger Impuls und kleiner Abfluggeschwindigkeit soll der Athlet nicht nur gleich hoch , sondern sogar höher springen, als bei kleinerem Abflugwinkel + größerer Anlauf – V ( lt. Th.Zacharias, in  Leichtathletik-

forum.com , Beitrag 26.3.2015, 19.57 )

Dies wäre dann quasi ein „ perpetuum mobile „ , und das gibt es bekanntlich nicht.

Nehmen wir trotzdem einmal an, die von Zacharias berechneten Kraftwerte würden in der Größenordnung stimmen .

Wie sind diese Kraftwerte dann zu deuten ? Denn jeder mathematisch errechnete Wert sollte überprüft werden, ob er in der Praxis auch Sinn macht .

Wenn ein Springer bei größerem Abflugflugwinkel und kleinerer Anlauf – V mit weniger Kraft sogar höher springt, heißt das erst einmal , dass er von der ihm zur Verfügung stehenden maximalen Sprungkraft ( etwa 5800 N ) weniger nutzt ( nutzen kann ) , als bei schnellerem Anlauf und flacheren Absprung.

Würde dieser Athlet sein Kraftpotential mehr nutzen, müsste es  ein Leichtes für ihn sein ,  weit über Weltrekord zu springen. Dies hat aber keiner realisieren können, also ist die Technikvariante langsamer/steiler  schlechter als schneller/flacher

 

2.

Es muss geklärt werden, ob die für den Vergleich steiler/langsamer  zu  schneller/ flacher angegeben Kraftwerte überhaupt richtig berechnet sind.

Nein !

Im Leichtathletikforum.com , 3.4.2015 veröffentlicht Zacharias eine Tabelle zusammengehöriger Werte von Steigehöhe / Anlaufgeschwindigkeit / Abfluggeschwindigkeit … usw. , für verschiedene Abflugwinkel.

( hier als  pdf- Datie am Ende des Artikels )

Daraus werden dann die Kraftwerte nach Zacharias errechnet und die Begründung langsamer / steiler  ist besser als schneller / flacher hergeleitet.

Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass Kraftwerte nicht explizit in die Berechnungsformel der Steigehöhe eingehen. Sie sind natürlich für den höhen-bestimmenden Wert  der Abfluggeschwindigkeit maßgebend.

Maßgebende Berechnungsformeln sind :

 

                                                 V (Abflug)Quadrat  *  sin ( Abflugwinkel ) Quadrat

  1. Steigehöhe=  ------------------------------------------------

                                                                   2  g

 

  1.  Impuls =Masse/Geschwindigkeit

 

  1. Kraft=Impuls/ Abflugzeit

     

 

Woher sind nun die Werte der Tabelle :

 

Zur Abfluggeschwindigkeit :

Wie Zachr. die Abfluggeschwindigkeit errechnet, ist aus der Aufstellung nicht zu ersehen.

Im LA-Forum Beitrag vom 1.4..2015 gibt Zach. an, dass die Springer ca. 20 %  ihrer Anlauf-V beim Absprung verlieren, unabhängig von Abflugwinkel.

Mit solchen pauschalen Erfahrungswerten lassen sich aber keine aussagekräftigen Folgeberechnungen anstellen.

Fakt ist, das mit größer werdendem Abflugwinkel das Verhältnis Abfluggeschwindigkeit / Anlaufgeschwindigkeit  sinkt.

Die Anlaufgeschwindigkeit muss gemessen oder ( annäherungsweise ) berechnet werden , ebenso die Abfluggeschwindigkeit , und das für jeden Abflugwinkel und jede Steigehöhe gesondert.

Weil sich nämlich die Abfluggeschwindigkeit aus 3 Teilgeschwindigkeiten zusammensetzt,

dem Teil ,             <   resultierend aus der horizontalen Anlauf - V

                              <   resultierend aus der Sprungkraft des Athleten

                              <  resultierend aus den Schwungelementen

Bei diesen Teilgeschwindigkeiten muss außerdem beachtet werden , dass sie Vektoren sind , und mit größer werdendem Abflugwinkel unterschiedliche Entwicklungstendenzen haben.

Die Anlaufgeschwindigkeit sinkt mit steigendem Abflugwinkel , die Absprungzeit steigt , während die Wirkung der Schwungelemente bei  größeren Absprungwinkeln etwa gleich bleibt. ( erreicht allerdings mit anderen Massen als die beiden vorgenannten Teil-V )

Es ist daher unmöglich alle Teil-Geschwindigkeiten die die Abfluggeschwindigkeit ausmachen , pauschal zu behandeln.

 

Zu den Anlaufgeschwindigkeiten :

Nach Tabelle Zachr.  werden bei gleicher Steigehöhe ( in Tabelle Zach. = h = Flughöhe genannt ) die nötigen Anlaufgeschwindigkeiten immer kleiner.

Braucht ein Athlet bei 105 cm Steigehöhe bei Abflugwinkel 55 0 noch 6,78 m/s Anlauf – V , so sind es bei 65 0 nur noch 5,57 m/s. Das ist natürlich völlig praxisfern und dazu ist unter 1. schon etwas gesagt worden ( perpetuum mobile ).

In Wirklichkeit müsste der Springer um die gleiche Steigehöhe zu erzielen mit größer werdendem  Abflugwinkel immer schneller anlaufen.

Dies liegt auch am bei größer werdendem Abflugwinkel ansteigenden Bremsstoß , der nur zu ganz kleinen Teilen zur Steigerung  der Abfluggeschwindigkeit genutzt werden kann.( Reaktivkräfte/ Stiffnes )

Aber wie es scheint, sind ja die nötigen Anlaufgeschwindigkeiten durch Multiplikation mit einem Faktor aus den nötigen Abfluggeschwindigkeiten entstanden. Dann können sie natürlich nicht real sein.

Zu den Bodenkontaktzeiten :

Woher diese Zeiten sind, wird nicht gesagt. Insgesamt erscheinen sie zu niedrig.

 

gar nicht erwähnt :

In die Berechnungswerte nach Zachr. geht die Höhe des Körperschwerpunktes gar nicht ein.

Dieser ist bei den verschiedenen Abflugwinkeln bei Absprungende fast gleich, jedoch bei Absprungbeginn bei einem 1,91 m großen Springer bei 47 Grad Abflugwinkel = 0,98 m  bei  65 Grad aber nur  = 0,85 m .

Diese Differenz der Höhe des Körperschwerpunktes muss jeder Athlet natürlich durch einen zusätzlichen Kraftaufwand ausgleichen.

Dies wird weder in der Tabelle Zachrias noch in der daraus folgenden Kraftberechnung bei Zach. bisher berücksichtigt.

 

wie praxistauglich sind die Werte der Zacharias – Tabelle ?

An einigen Beispielen bekannter Springer soll geprüft werden, welche Sprunghöhen sich nach den Werten nach Zachr.  ergeben würden.

                                 Anlauf – V   Abflugwinkel      Abflug – V nach Tabelle   Steigehöhe    Sprunghöhe

Ch.Dumas, USA       6,1 m/s             65 Grad             5,36 m/s                            1,20 m          2,49 m

                                              ( nach  Sonnemann springt dieser Athlet mit diesen Werten 2,13 m )

               

Jaschtschenko        7,4 m/s             60 Grad            etwa 6,03 m/s                  1,39 m           2,67 m

                                             ( nach Sonnemann springt der Athlet bei KF=1,05  mit diesen Werten 2,39 m )

                                        

Für keines der Beispiele bringen die Werte nach Zacharias also vernünftige Sprunghöhen

Die Bestleitung von Dumas war 2,15 m , die von Jaschtschenko = 2,35 m. Haben diese Springer ihr Potential so schlecht ausgenutzt ?

 

Fazit :

ohne auf den cm  zu schauen :

Weder bei kleinen oder großen Abflugwinkeln , noch bei kleiner oder großer Anlaufgeschwindigkeit lassen sich aus den Tabellenwerten nach Zacharias vernünftige Sprunghöhen errechnen.

 

 

 

Zur Problematik passen auch die Artikel in:

 

                IV./A =  Vorstellung einer neuen Hochsprungtechnik

 

                IV./B  = Berechnung von Teilhöhen im Hochsprung

 

               IV./ C  = Entwicklungstendenzen im Hochsprung

 

 

 

 Wertetabelle nach Th.Zacharias :

Image0001.pdf
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